Kurzgeschichten

Flying Bird eine Kurzgeschichte von Beate

Tim saß in der Führerkabine der großen Erntemaschine neben seinem Vater. Sie waren auf dem Rückweg. Schon früh am Morgen waren sie zur Orangenplantage gefahren, um die reifen Früchte zu ernten. Tim liebte es, gemeinsam mit seinem Vater auf die Plantage zu fahren. Früh morgens war die Luft noch frisch, es duftete nach Orangen und Orangenblüten. Die Sonne war dann noch nicht so unerbittlich wie in den Mittag-und Nachmittagstunden. Tim freute sich schon auf das erfrischende Bad im See, in den er nach getaner Arbeit reinspringen würde. Jetzt lag noch eine Fahrt von 10 Minuten nach Hause vor ihnen. Tim lies seinen Blick über die endlose Weite des Landes schweifen. Seit mehrere Generationen war sein Familie in der Bio- Landwirtschaft tätig. Es war nicht immer leicht gewesen, aber dieses Jahr lief es richtig gut. Sie exportierten ihre Biofrüchte nach ganz Europa. Das war echt klasse. Tim war stolz auf seinen Vater, das er nicht aufgegeben hatte, als nicht alles so gut lief und sie nicht wussten, ob sie ihre Farm halten konnten. Jetzt brauchten sie sich keine Sorgen mehr machen, es lief einfach großartig. In der Ferien half Tim am Vormittag immer seinem Vater. Der Nachmittag gehörte ihm, dann kümmerte er sich um die Tiere, die auf der Farm lebten. Vielen hatte Tim das Leben gerettet. Viele hatte er wieder nach ihrer Genesung ausgewildert . Einige blieben für immer, da sie zu großen Schaden erlitten hatten und alleine nicht mehr überleben konnten. So gab es einige Vögel, ein Schwein, Gänse und Enten, ein Esel, ein Pony, eine Ginsterkatze, 2 Mufflons und ein Mönchsgeier. Tim liebte sie alle und versorgte sie gewissenhaft. Denn er wusste eines Tages würde er TA sein und ein Reservat für Tiere leiten. Das war sein größter Traum. Dann erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Nicht weit von ihnen auf einem gerodeten Feld saß ein Vogel. Einer seiner Flügel stand in einem komischen Winkel zu seinem Körper. Tim stupste seinen Vater leicht in die Seite und deutete in die Richtung. Auch sein Vater erkannte das etwas mit dem Vogel nicht in Ordnung war. Er wusste Tim würde keine Ruhe geben, bis sie dem verletzten Tier geholfen hätten. Also hielt Tims Vater, sein Name ist übrigens Murphy, die Erntemaschine an. Tim sprang sofort aus der Fahrerkabine, seine Jacke auf dem Arm und lief ein Stück in Richtung des Vogels. Als er näher kam, wurden Tims Schritte langsam und bedächtig. Schritt für Schritt näherte er sich ruhig dem verletzten Tier. Er konnte erkennen, das es ein Kaiseradler war. Der versuchte sich mit hüpfenden Bewegungen von Tim zu entfernen, was ihm nicht wirklich gelang, denn sein komisch runterhängende Flügel lies das nicht zu. Als Tim seiner Meinung nach nah genug am Vogel war, warf er seine dünne Jacke gekonnt über den Vogel. Dann ergriff er ihn, hob ihn hoch und bettete ihn vorsichtig in seine Arme. Sein Vater war nun auch zur Stelle und Tim schaute ihn mit einem strahlenden Lächeln entgegen. Dann gingen sie gemeinsamen zurück zur Erntemaschine und fuhren zur Farm. Dort angekommen bat Tim seine Mutter aufgeregt mit ihr und dem verletzten Kaiseradler zu Dr. Sommerday zu fahren. Auch Tims Mutter wusste, das sie jetzt alles stehen und liegen lassen musste, denn das Wohl des Tieres ging vor. Also machten sie sich auf den Weg zu Dr. Sommerdays Praxis und liessen den Adler gründlich untersuchen. Dr. Sommerday stellte fest, das der Adler schon älter war. Sein Futterzustand nicht mehr so gut war und das sein Flügel ausgerenkt war. Dr. Sommerday schaffte es den Flügel zu richten und legte noch einen Verband an, den der Adler ein paar Tage tragen sollte. Dr. Sommerday wusste bei Tim wäre der Kaiseradler in den besten Händen und er wusste auch, wenn der Adler wieder flugtauglich war, würde Tim in Freilassen. Und so kam es, das der Zoo von Tim um ein weiteres Tier bereichert wurde. Tim kümmerte sich liebevoll um seinen neuen Schützling, sowie um all die anderen Tiere. Er verbrachte viel Zeit mit dem Kaiseradler, der wieder Erwartung eine Beziehung zu Tim aufbaute. Seit einigen Tagen war der Verband abgenommen und der Adler auch nicht mehr in der Volaire. Tim hatte wie allen seinen Tieren, auch dem Kaiseradler einen Namen gegeben. Flying Bird nannte er ihn. Der Name war bewusst gewählt, er sollte den Adler unterstützen, seine Flügel wieder zu benutzen, was er bisher nicht getan hatte, obwohl er völlig gesund war. Wenn Tim von der Arbeit mit seinem Vater nach Hause kam, hüpfte Flying Bird freudig auf Tim zu. Tim setzte sich dann immer auf den Boden und Flying Bird wartete gespannt darauf welchen Leckerbissen Tim aus seiner Tasche für ihn holen würde. Und so wurden sie zu einem unzertrennlichen Paar, der Junge und sein Kaiseradler „ Flying Bird“

Brot für die Welt eine Kurzgeschichte von Beate

Talissa lief durch die engen Gassen der kleinen Hafenstadt Charmony. Ihr Leinenkleid, das lose an ihren kleinen zierlichen Körper runter hing, hatte die besten Tage schon hinter sich. Verschlissen und mit einigen Löchern am Saum, sah es eher wie ein Sack aus, als ein Kleid. Ihre dünnen Beinchen steckten in einer Wollstrumpfhose, auch diese wies einige Löcher auf. Ihr Schuhe schienen nur noch durch den Dreck zusammengehalten zu werden. Talissa lief so schnell sie konnte, ihr Ziel war der heutige Wochenmarkt, der am Hafen abgehalten wurde. Wenn sie Glück hatte, konnte sie heute endlich das Grummeln und die Schmerzen in ihrem Innern zum Schweigen bringen. Schon nahm sie die typischen Geräusche des Wochenmarktes wahr. Das Stimmengewirr der vielen Menschen und die Laute der Tiere, die zum Verkauf standen. Noch eine letzte kleine Gasse und dann hatte sie es endlich geschafft. Der Wochenmarkt, das Ziel ihrer nächtlichen Träume. Sie wusste genau wo sie hin wollte. Zum Brotstand, dort gab es das leckerste Brot der ganzen Stadt. Sie schlenderte nach außen hin gemütlich auf ihr Ziel zu, aber innerlich brodelte es in ihr. Sie glaubte alle Menschen die in ihrer Nähe standen, müssten das Grummeln ihrer Eingeweide hören. Doch darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Wie immer war der Brotstand das Ziel vieler Menschen. Ein regelrechtes Gedränge herrscht dort. Gut für sie. Sie wartete bis der Bäckermeister Geld von einer Kundin in seine prall gefüllte Kasse verstaute und die drumrum stehenden Menschen sie nicht beachteten. Blitzschnell stibitzte sie sich einen Brotlaib, der am Ende des Tisches lag und schon entfernte sie sich vom Brotstand, immer ihre Aufmerksamkeit nach hinten gerichtet, ob Jemand ihren Diebstahl bemerkt hatte. Aber das schien nicht der Fall zu sein. Noch ging sie langsam und ruhig ihres Weges, als sie weit genug vom Brotstand entfernt war, lief sie schnell, den Brotlaib fest an ihren Körper gepresst. Ihr neues Ziel war ihr Zuhause, ein paar Querstraßen weiter. In der engen Gasse stand ein altes Haus, das schon lange nicht mehr bewohnt war. Dieses Haus hatte außen eine kleine Öffnung, die in früheren Zeiten wohl als Abstellplatz für Fahrräder, Schubkarren und sonstigem genutzt wurde. Das war ihr Zuhause. Blitzschnell, schlüpfte sie in ihr Zuhause, immer darauf bedacht, das sie Niemand sah. Endlich hatte sie es geschafft. Der Brotlaib war noch warm und sein Duft, der ihr in die Nase stiegt, raubte ihr fast den Atem. Sie setzte sich auf ihre Decke, die sie irgendwann mal irgendwo gefunden hatte und dann kam er der große Moment. Genüsslich und ganz langsam bohrte sie erst einen dann zwei Finger in den köstlich duftenden Brotlaib. Holte etwas Brot aus dem Innern und steckte es sich endlich in den Mund. Ihr Magen schien Purzelbäume zu schlagen und das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Sie versuchte das Brot so lange es ging in ihrem Mund zu halten, denn sie wusste, je länger sie es kauen würde, desto süßer würde es werden. Dann konnte sie es nicht mehr aushalten und das Brot rutschte in ihren Magen, der es dankend begrüßte. Jetzt war es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei, wieder und wieder bohrte sie ihre Finger in den Brotlaib und genoss jedes Stück. Doch sie wusste, bald war es genug, denn der Brotlaib sollte einige Tage halten. Das Brot sah aus wie eine dunkle Höhle, die zum weiteressen einlud. Talissa gönnte sich noch ein kleines Stück der köstlichen Kruste, auf der sie länger rum kauen konnte und den Abschluss ihres Festmahls war. Dann wickelte sie den Rest in ein Leinensäckchen und das verstaute sie in eine Blechdose, damit die Mäuse ihren Schatz nicht verspeisten. Dann versteckte sie die Blechdose unter ihren anderen Habseligkeiten. Da war noch ein Kleid mit größeren Löchern, eine Decke wenn es richtig kalt wurde und ein Glas, das ihren größten Schatz enthielt. Dort befanden sich einige Münzen drin. Wenn der Markt zu Ende war, ging sie auf die Suche nach Münzen, die Menschen verloren hatten und auch wenn die durch die engen Gassen von Charmony lief, hielt sie immer Ausschau nach den funkelnden Münzen. Denn eines Tages würde sie so viele Münzen haben, damit sie sich ein Brot kaufen konnte. Das war eines ihrer Ziele. Dann kuschelte sie sich in ihre Decke, denn jetzt konnte sie schlafen, denn das Gegrummel und die Schmerzen in ihrem Inneren würden für kurze Zeit schweigen. Talissa träumte ihren Traum. Sie stand am Wochenmarkt, sie war die Verkäuferin, sie war eine berühmte Bäckerin. Und jeden Donnerstag bot sie ihre köstlichen Waren zum Kauf an. Und wenn sie in Kinderaugen schaute und den Schmerz des Hungers darin sah, rief sie die Kinder zu ihrem Stand und schenkte ihnen einen Laib Brot, der für diese Kinder in dem Moment die ganze Welt bedeutet, so wie der gestohlene Brotlaib die ganze Welt für sie bedeute hatte. Und das war ein weiteres Ziel Talissas, wenn im Moment noch ein Traum, aber sie wusste eines Tages würde er Wirklichkeit werden. Denn dann würde sie Brot für die Kinder der Welt backen.

 

Das Meer der Gefühle ein Archetyp der Kämpferin

Die kleine Jolle ist den Kräften der Natur ausgeliefert. Der Wind peitscht sie auf den Kanten der aufschäumenden Welle vor sich her. Das rettende Land liegt in der anderen Richtung. Wie konnte die kleine Jolle nur den falschen Weg einschlagen und alle Warnungen in den Wind schlagen. Sturm war vorausgesagt. Die Schlechtwetterfront hatte sich schon angekündigt, aber die kleine Jolle wollte unbeirrt ihren Weg gehen. Hindernisse überwinden, stark sein, Gutes tun. Würde sie jetzt daran zerbrechen. Das Tosen des Windes, das Peitschen der schäumenden und schreienden Wellen. Kann sie all dem standhalten? Ist ihr Holz, ihr Körper biegsam genug um sich den Kräften der tobenden Natur anzupassen oder wird sie zerschellen an den Klippen, die immer näher kommen.

Die kleine Jolle weiß, das ihr Körper gut geölt ist, ihr Holz ist geschmeidig, sie kann sich Herausforderungen anpassen. Aber ist das genug um zu überleben? Diesem Sturm des Lebens standzuhalten? Die kleine Jolle kämpft. Sie nutzt die Kraft der Wellen, tanzt auf und mit ihnen. Dieser atemberaubende Tanz von Nachgeben, nicht Aufgeben und Vorwärtskommen, kostet der Jolle viel Kraft. Aber sie schafft es sich von den Klippen zu entfernen und dem rettenden, weißen Strand näher zu kommen. Sie merkt, das immer mehr Wasser sich in ihrem Inneren ansammelt und das es nicht abfließen kann, da sie gut geölt ist. Also bedarf es einen Planes. Jedesmal wenn sie auf dem Gipfel der Wellen tanzt, neigt sie sich leicht zur Seite, sodass etwas von dem Wasser rausfliessen kann, bevor mit der nächste Welle wieder Wasser in sie eindringt. Ist es ein aussichtsloser Kampf? Kann sie diesen Kampf gegen die Naturgewalten gewinnen? Die kleine Jolle mobilisiert all ihre Kräfte, ihre Geschmeidigkeit, ihre Anpassungsfähigkeit, ihren Überlebenswillen. Aufgeben ist keine Option. Der Kampf geht seit Stunden. Wasser und Wind oder kleine Jolle? Angst, Verzweiflung, ja Panik und Frustration macht sich breit. Immer und immer das Gleiche, Wasser rein, Wasser raus, Richtung Strand nicht aus den Augen verlieren. Die Naturgewalten bezwingen mit allem was der kleinen Jolle zur Verfügung steht. Dann kommt sie die Jahrhundertwelle. Tobend, schreiend, Gicht spuckend und erfasst die kleine Jolle mit all ihr zur Verfügung stehenden Vehemenz. Die kleine Jolle schreit auf, ihr Holz biegt sich, Panik macht sich breit, sie knirscht, die Balken biegen sich und dann, dann tanzt sie auf der Krone der Welle, ein Tanz der Schönheit und Eleganz, aber auch der Zerstörung und Vernichtung. Wer gewinnt diesen Tanz? Die Welle steigt höher und immer höher mit all ihrer Kraft und dann spukt sie die kleine Jolle im hohen Bogen auf den weißen, rettenden Strand. Die kleine Jolle landet unsanft auf der Seite, das Wasser aus ihrem Inneren fließt in den warmen, weißen Sand. Ihr Holz trägt Macken des Kampfes, aufgeschwollen, angeschlagen liegt sie auf der Seite. Glücklich diesen aussichtslosen Kampf überlebt zu haben. Angeschlagen, ausgelaugt, eine gewisse Verzweiflung in sich tragend, aber zufrieden. Sie hat gekämpft, einen Kampf der alles von ihr gefordert hat, ein Kampf um Leben und Tod, ein Kampf den sie nie vergessen wird, ein Kampf der ihr Leben verändert hat. Gut gemacht kleine Jolle.

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